Abenteuerspielplatz Unterbewusstsein

Der kleine Raum ist komplett in einem satten Dunkelblau dekoriert. Am Boden ein weicher, kurzfloriger Teppich, der sich warm anfühlt und in dem meine Füße leicht einsinken, fast wie ein dicker Samt. Die Wände sind über und über mit Pfauenfedern bedeckt. Ein Kronleuchter mit dunkelblauen Kristallen ist mit seinen gedimmten Glühkerzen die einzige Lichtquelle. Es riecht schwach nach Patchouli. In einer Ecke steht eine Kommode mit einem Grammophon, das eine vergnügliche Melodie spielt, die Platte knackt und rauscht allerdings sehr. An einer Wand steht ein geschwungenes dunkelblaues Samtsofa. Wenn ich mich dort hinlege, kann ich bestimmt wunderbar schlafen … das sollte ich lieber nicht tun, wenn wir noch irgendetwas miteinander anstellen wollen. 🙂

An der Wand hängt ein Bild, eine Landschaft ganz in Dunkelblau. Nur dort an einem Berg ist offenbar ein Stollen, eine halb geöffnete Tür mit einem hellblauen Schein. Wenn ich mich ganz auf das Bild konzentriere, kann ich mich hineinversetzen … whoa, die Tür ist ein Portal! Ich soll da durchgehen? Ok …

Das Unterbewusste ist eine unerschöpfliche kreative Quelle. Jede Nacht im Traum erschafft es ganze surreale Welten und da jeder Mensch träumt, hat auch jeder Mensch das Potenzial, auf diese Kreativität zuzugreifen. Manchen ist eine ausgeprägte Gabe zu visualisieren in die Wiege gelegt, andere favorisieren andere Sinne – Geruch, Geschmack, Gehör, haptische Wahrnehmung. Eine schwach ausgeprägte Vorstellungskraft kann trainiert werden (mehr dazu am Ende dieses Artikels).

Eine hypnotische Trance macht es besonders einfach, kreativ zu assoziieren, da die rationalen Filter des Bewusstseins durchlässiger werden. Für den Hypnotiseur ist das wie ein interaktives „Point and Click-Adventure“ im Kopf seines Hypnotisanden zu spielen – du gibst Hinweise, probierst Dinge aus, löst Rätsel und schaust, was das Unterbewusste deines Partners daraus macht. Eine ungeheuerlich spannende und intime gemeinsame Erfahrung.

Tipps und Tricks:

  • Gib vage Startpunkte vor, die dein Hypnotisand mit Leben füllen kann. Das Bild im einleitenden Text zum Beispiel entstand aus der Suggestion eines Farbraums, also eines Ortes, der ganz in einer bestimmten Farbe gehalten ist. Auch Ideen wie ein „Zauberspiegel“, durch den man wie Alice im Wunderland die Realität verlassen kann, die Suggestion eingeschlafen zu sein und einen Traum zu beginnen, ein Besuch in einem „Skurrilitätenmuseum“, die Vorstellung zu schrumpfen oder riesig zu werden beflügeln die Phantasie. Für erotische Settings eignen sich sich der Besuch im Pornokino, bei dem sich der Hypnotisand irgendwann plötzlich mitten im Film wiederfindet, ein virtueller Swingerclubbesuch, ein Raum, der im Lieblingsfetischmaterial eingerichtet ist, oder für Masochisten ein mittelalterliches Foltermuseum mit Exponaten zum Ausprobieren.
  • Wer über den Spaßfaktor hinaus nach Erkenntnis sucht, kann durch eine Reise durch die Wildnis zu einem weisen Eremiten, der Begegnung mit einem Krafttier oder einem Dialog mit dem inneren Kind Ressourcen aktivieren und Kontakt zu verschiedenen unterbewussten Persönlichkeitsanteilen aufnehmen. Habt dabei keine Scheu vor Archetypen und Klischees, auch wenn dir als Naturwissenschaftler deine „Schutzengel“ möglicherwesie peinlich sind. 😉 Besprecht die Ziele solcher Trancereisen vorab und drängt niemanden zu innerer Arbeit, der daran (grundsätzlich, heute oder mit dir) kein Interesse hat. Hypnose kann, muss aber nicht ans Eingemachte gehen.
  • Wenn dein Hypnotisand seine inneren Bilder nicht beschreiben kann, weil er in der Trance nicht sprechen kann oder möchte, hilft meist die simple Suggestion „du kannst laut und deutlich sprechen“.
  • Nimm Widerstände ernst. Dein Hypnotisand kann auch unter Hypnose durchaus intime Details für sich behalten wollen, dort nachzubohren schwächt lediglich den Rapport. Solltet ihr euch in eine Sackgasse verlaufen haben, biete kreative Auswege an („Schau doch mal, ob irgendwo im Fels ein Spalt ist, vielleicht befindet sich dort eine Geheimtür?“) ohne etwas zu erzwingen zu versuchen. Hier sind Fingerspitzengefühl und, ggf. auch erst nach der Hypnosesession, Feedback gefragt.
  • Sei darauf vorbereitet, dass bei deinem Hypnotisanden intensive Gefühle hochkommen können. Auch ganz ohne therapeutischen Anspruch können beim freien Assoziieren quasi aus Versehen Blockaden gelöst oder verdrängte Erinnerungen wieder ins Bewusstsein kommen. Ein sicherer Umgang mit Abreaktionen ist eine wichtige Grundlage für jeden Hypnotiseur.

Wem als Hypnotisand nicht spontan alle Sinneswahrnehmungen in Trance zufliegen, kann die Vorstellungskraft durch verschiedene Übungen stärken und verbessern. Einfache Erinnerungsübungen auch ohne Hypnose, wie einmal täglich die Augen zu schließen und in der Phantasie durch die eigene Wohnung zu gehen, die Fenster in einem bestimmten Raum zu zählen und Buchrücken im Regal zu „lesen“, oder den täglichen Weg zur Arbeit zu vor dem inneren Auge vorbeiziehen zu lassen trainieren das Gehirn darauf, die Wahrnehmung bewusst nach innen zu richten. Fragt dabei alle fünf Sinne ab (VAKOG: Visual, Auditory, Kinaesthetic, Olfactory, Gustatory; also Sehen, Hören, Spüren, Riechen, Schmecken).

Ein Trick, um die Kreatitivtät in Schwung zu bringen, wenn man „nichts“ sieht, sind was-wäre-wenn-Fragen wie „wenn dort etwas wäre, welche Farbe hätte es?“ oder die Aufforderung, einfach irgendetwas zu erfinden. Diese Fragen nehmen das Bewusstsein mit ins Boot und den Druck weg, dass alle kreativen Assoziationen „von allein“ passieren müssten.

Noch ein letzter Tipp für die Hypnotiseure: Wenn etwas nicht auf Anhieb so klappt wie gedacht, arbeitet mit dem, was ihr von eurem Hypnotisanden bekommt. Versteift euch nicht auf ein bestimmtes Ergebnis.

Und beiden Seiten wünschen wir viel Spaß auf euren Reisen ins Selbst! 🙂

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