Hypnose-Mythen: „Aber ich war doch gar nicht weg!“

Eines der beliebtesten Vorurteile bezüglich Hypnose ist die Vorstellung, der Hypnotisierte sei währenddessen irgendwie „weg“ – bewusstlos, tief schlafend, geistig vollständig abwesend, mindestens aber ohne jede Erinnerung an die Hypnose nach dem Ende derselben. Solche somnambulen („schlafwandlerischen“) Zustände sind grundsätzlich suggestiv machbar und zum Beispiel nützlich, wenn die Hypnose eine Narkose für einen chirurgischen Eingriff ersetzt. Im erotischen Kontext ist ein solcher Modus allerdings selten erwünscht, und auf keinen Fall ist er das, was eine Hypnose definiert.

In einer Hypnose ist das rational-kritische Bewusstsein getrübt, so dass das Denken des Hypnotisierten sich ganz in eine ggf. auch objektiv unlogische fixe Idee vertiefen kann. Das Gehirn ist durchaus aktiv, der Geist fokussiert und den Suggestionen des Hypotiseurs zugewandt, der wiederum die Aufmerksamkeit seines Hypnotisanden durch die gewünschten hypnotischen Phänomene lenkt. Hypnose ist ein Vorgang intensiver Kommunikation zwischen den Beteiligten innerhalb eines vertrauensvollen Verhältnisses. Es ist wichtig, Fehleinschätzungen und Vorurteile in einem Vorgespräch aufzuklären, da sonst eben jenes Vertrauensverhältnis, der Rapport, gestört wird, wenn das hypnotische Erleben nicht den Erwartungen des Hypnotisanden entspricht.

Hypnose ist kein Tiefschlaf!

Das Missverständnis, dass eine hypnotische Trance grundsätzlich einem Tiefschlaf gleicht, ist vermutlich eine Folge der häufig verwendeten Entspannungs-Einleitungen. Diese körperliche Entspannung ist allerdings nichts anderes als bereits ein erstes hypnotisches Phänomen, das zum einen leicht zu erzeugen ist und zum anderen den Rapport stärkt – wer entspannt sich nicht gern und nimmt eine explizite Erlaubnis und Hilfe dazu dankend an. Dass man auch mit einem beliebigen anderen hypnotischen Phänomen in die Hypnose einsteigen kann, zeigt James Tripp, ein britischer Hypnotiseur, beeindruckend in diesem Video:

Der Clip zeigt eine Hypnose auf einem Musikfestival im Sommer 2009. Die Frau wurde als Freiwillige zufällig aus dem Publikum ausgewählt und in keiner Weise vorbereitet. James Tripp erzeugt aus dem Wachzustand ein einfaches hypnotischen Phänomen, indem er der Hypnotisandin suggeriert, sie könne eine Visitenkarte nicht mehr loslassen, die zwischen ihren Fingern eingeklemmt ist. Dann führt er dieses Phänomen in die Suggestion über, die Hand der Frau klebe an ihrem Kopf fest. Diese „fixen Ideen“ sind in diesem Moment die subjektive Realität der Hypnotisandin, so unlogisch sie auch sein mögen.

Tripp nennt seine Methode „Hypnosis without Trance“. Ich persönlich behaupte, dass er sehr wohl eine Trance induziert, allerdings eine Wachtrance, die vom „normalen“ Wachzustand auf den ersten Blick nur schwer zu unterscheiden ist. Der konventionelle Weg in eine Wachtrance ist die Induktion einer Entspannungstrance, die dann in einen körperlich aktiven Zustand überführt wird.

Amnesie

Genau wie körperliche Entspannung ist auch die häufig erwartete Erinnerungslosigkeit an den Zustand der Hypnose ein hypnotisch suggerierbares Phänomen, aber nichts, was eine Hypnose grundsätzlich definiert. Es kann im Rahmen einer BDSM-Hypnose unterhaltsam sein, einen posthypnotischen Trigger zur späteren Verwendung zu implementieren und das Opfer dann vergessen zu lassen, dass ein solcher Befehl eingepflanzt wurde. Die Überraschung beim Auslösen des Triggers ist recht erheiternd. 🙂 Da mit solchen Dingen aber auch leicht Missbrauch getrieben werden kann und das Vertrauen meiner Spielpartner essenziell ist, verwende ich Amnesien nur auf ausdrücklichen Wunsch – ansonsten suggeriere ich im Gegenteil eine klare Erinnerung an die komplette Session.

„Schlaf!“

Ein Fall, in dem die Assoziation von Hypnose und Schlaf sinnvoll genutzt wird, sind die Blitzinduktionen. Dabei wird ein Moment der Überraschung erzeugt und diese Schrecksekunde, in dem der Geist des Hypnotisanden verwirrt ist und Verhaltensvorschläge dankbar annimmt, für eine erste, kurze Suggestion ausgenutzt. Ein befehlsartiges „schlaf!“ hat sich hier bewährt. Die eintretende Trance wird dann stabilisiert, gelenkt und vertieft.

Fazit

Zusammenfassend mein Tipp an diejenigen, die Hypnose erleben möchten: Du musst nicht darüber grübeln, ob du gerade in Trance bist oder nicht. Trance an sich ist ein so alltäglicher Zustand, dass er häufig gar nicht als etwas besonderes wahrgenommen wird. Das ist völlig okay und ändert nichts an der Wirksamkeit der Hypnose. Genieße, was geschieht. Es gibt nichts, was du richtig oder falsch machen kannst. Beobachte, was in und mit dir passiert, ohne dem Impuls nachzugeben, bewusst einzugreifen – auch nicht, um deinem Hypnotiseur einen Gefallen zu tun. Du musst keinen Gedanken verdrängen, und keinen Gedanken festhalten … lass deine Gedanken vorbeiziehen wie Wolken am Himmel. Lass eine Welle der Entspannung deinen Körper erfassen, und dann deinen Geist … nichts ist mehr wichtig, als die Stimme, die dich tiefer und tiefer trägt in diesen angenehmen Zustand …

😉

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